Was ist eine Ideologie?

Zur Beschreibung einer guten Gesellschaft als das Ziel von Politik nutzen Menschen ihre weltanschaulichen Systeme von Überzeugungen, die wir als Ideologien bezeichnen.

Eine Ideologie ist zunächst erst einmal nichts Schlimmes – auch wenn der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch negativ besetzt ist. Sie ist für den Menschen sogar lebenswichtig, weil sie Menschen überhaupt dazu in die Lage versetzt politisch zu denken. Ideologien können als Informationsverarbeitungsapparate verstanden werden, die Menschen nutzen, um Ist- und Soll-Zustände zu formulieren und miteinander in Bezug zu setzen. Ideologien ermöglichen die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des Menschen, fiktive Vorstellungen gewünschter Wirklichkeit im Kopf – als Bilder oder Geschichten – zu entwickeln und auf diese Weise die reale Welt zu interpretieren.

Wir erzählen uns Geschichten (als Narrative) und entwickeln eigene große Bilder über die Welt (als Big Pictures), wie sie zu sein scheint und wie sie sein sollte. Erst durch Ideologien als Wirklichkeitskonstruktionen und den mit ihnen verbundenen Geschichten und Bildern ist der Mensch überhaupt erst in der Lage politisch zu denken. Politisches Denken kann verstanden werden als die Auseinandersetzung mit Ideologien in Bezug auf das Zusammenleben von Menschen bzw. auf die gute Gesellschaft. Aus dem politischen Denken ergeben sich dann zwangsläufig politische Interessen, nämlich dann, wenn das politische Denken in Bezug zur eigenen Person, zu anderen Personen und den jeweiligen Bedürfnissen und Wünschen gesetzt wird und damit der Zwischenraum ‚inter-esse‘ entsteht. Wir haben es in der Politik daher mit zwei Zwischenräumen zu tun: Zum einen der Zwischenraum unterschiedlicher Interessen, zum anderen der Zwischenraum zwischen den miteinander handelnden politischen Menschen.

In unserem Alltag wird die Zuschreibung „ideologisch“ meist mit Dogmatismus oder Fanatismus in Verbindung gebracht: Eine Person ist verbohrt in ihrem Denken und lässt keine Alternativen zu. Tatsächlich ist jedoch jeder politisch denkende Mensch ideologisch – die Ideologie ist jedoch unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Stärke der Ausprägung einer Ideologie bei einem Menschen wird im allgemeinen Sprachgebrauch mit Begriffen wie gemäßigt, mitte-…, extrem oder radikal beschrieben. Letztlich gibt die Ausprägung Auskunft darüber, wie weit bei dem jeweiligen Menschen oder der jeweiligen Partei der Ist- vom Soll-Zustand entfernt ist, wie sehr die fiktive Welt der Ideologie als Realität verstanden wird und wie sehr man bereit ist, andere Fiktionen über die Welt als Ideologien in gleichberechtigter Weise zu akzeptieren bzw. in das eigene Weltbild zu integrieren. Je weniger Menschen dazu in der Lage sind, andere Ideologien als berechtigte Weltbilder anzuerkennen, desto mehr bezeichnen wir sie im Alltag als ideologisch, dogmatisch, extrem oder radikal. Treffen zwei Ideologien kompromisslos aufeinander und werden nicht miteinander ausgehandelt, entstehen schließlich politische Konflikte (–>weiter/politische Konflikte).