Der Konfliktlinien-Ansatz

Der Konfliktlinien-Ansatz bzw. Cleavage Modell ist das seit bald 50 Jahren das vorherrschende Modell der Politikwissenschaft. Ausgangspunkt des Ansatzes sind die beiden zentralen politischen Großkonflikte des 19. und 20. Jahrhundert.

Der Ansatz gibt die Möglichkeit einer zweidimensionalen Betrachtung politischer Ideologien. Grundannahme ist, dass Politik zwangsläufig eng mit gesellschaftlichen Großkonflikten verbunden ist. Als „Produkte sozialstruktureller Konflikt- und Spannungslinien“ (Decker 2018a: 21) können Parteien entsprechend dieser Großkonflikte ideologisch verortet werden.

Urväter des Konfliktlinien-Schemas sind Semour Martin Lipset und Stein Rokkan (vgl. Lipset et al. 1967), die Ende der 1960er Jahre zwei historische Großkonflikte identifizierten, anhand derer sich politische Streitfragen moderner Gesellschaften abbilden (vgl. Decker 2018b: 13f) und anhand derer sich politische Parteien ideologisch verorten lassen:

Der sozioökonomische Verteilungskonflikt basiert auf dem Konflikt zwischen Arbeit und Kapital und ist historisch auf das 19. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück zu führen. Innerhalb dieser Konfliktlinie stehen sich die Pole Marktfreiheit und soziale Gerechtigkeit gegenüber. Die wohlfahrtsstaatliche Umverteilung als Korrektur des Marktes mit dem Ziel von mehr sozialer Gleichheit ist ein politisches (Kompromiss-)Ergebnis dieser Konfliktlinie.

Die zweite Konfliktlinie ist die des soziokulturellen Wertekonflikts und lässt sich zeitlich in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückführen. Vom Grundsatz her handelt es sich hier um den Konflikt zwischen Kirche und Staat. Innerhalb dieser Konfliktlinie steht eine konservativ-autoritäre Werthaltung einer libertären Werthaltung gegenüber. Während die libertäre Werthaltung den Kategorien Toleranz, Nonkonformismus, Kosmopolitismus und Multikulturalität nahe steht, umfasst die konservativ-autoritäre Werthaltung ein Denken in bestehenden Ordnungen, ein Bewahren konventioneller Lebensformen und nationalistisches Denken.

Die gegenwärtige politische Theoriebildung nutzt das Konfliktlinien-Schema, um gesellschaftliche und politische Entwicklungen abzubilden und zu erklären. In der Fachdiskussion wird z.B. darauf hingewiesen, dass in den letzten Jahrzehnten die soziokulturelle Konfliktlinie an Bedeutung gewonnen (vgl. Decker 2018a: 26) und sich die Ursachen der sozioökonomischen Konfliktlinie durch den Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft und der Etablierung einer Finanzindustrie verschoben haben (vgl. Amm 2019: 25f). Visuell ermöglicht der Konfliktlinienansatz eine Verortung politischer Parteien, die deutlich komplexer ist als im –>Links-Rechts-Schema: Parteien werden in einem Koordinatensystem ideologisch positioniert, in dem die beiden Konfliktlinien diametral zueinander gestellt werden. Je weiter links, rechts, oben oder unten die jeweilige Partei verortet wird, desto intensiver bzw. extremer tendiert sie zu einem der vier Pole.

Konfliktlinien-Ansatz

Grundtypen-Ansatz

Auch wenn der Konfliktlinien-Ansatz gegenüber dem Links-Rechts-Schema differenzierter ist, wird in der politischen Theoriebildung der Nutzen des Schemas diskutiert. Als Weiterentwicklung des Ansatzes zur Integration des Links-Rechts-Schemas entwickelt z.B. Joachim Amm ein Synthese-Schema als Politisches Koordinatensystem mit neuer Links-Rechts-Achse (vgl. Amm 2019: 23). Er unterscheidet in seinem Schema vier Pole, von denen zwei je von einer materiellen Achse (horizontal) und einer kulturellen Achse (vertikal) verbunden sind: Die kulturelle Achse hat die Pole „Libertär“ (oben) und „Autoritär“ (unten) und entspricht der soziokulturellen Konfliktlinie. Die materielle Achse hat die Pole „Egalitär“ (links) und „Elitär“ (rechts) und entspricht der sozioökonomischen Konfliktlinie. Die „neue“ Links-Rechs-Achse zeigt sich nun durch eine von links oben nach rechts unten abfallenden Linie. Joachim Amm sieht in dieser Darstellung eine materiell-kulturelle Gesamtkonfliktlinie, durch die beide Konfliktlinien miteinander verbunden und in ein Links-Rechts-Schema integriert werden. Einen anderen Versuch der Synthese unternimmt Frank Decker, der sein Schema Zweidimensionales Konfliktlinienmodell nennt (vgl. Decker 2018a: 24). An den beiden Diagonalen des ursprünglichen Konfliktlinien-Schemas hält er fest, integriert jedoch das Links-Rechts-Schema durch zwei Pole auf der linken und rechten Seite.

Das zentrale Problem des Konfliktlinienansatzes ist seine geringe theoretische Tiefe. Der Ansatz und die Konfliktlinien basieren auf empirischen Beobachtungen aus der Zeit Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts. Kann ein derartiges Modell noch profunde Aussagen zur politischen Lage in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts machen?

Quellen:

Amm, Joachim (2019): Die Parteien in Sachsen, hg. Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.

Decker, Frank (2018a): Jenseits von links und rechts. Lassen sich Parteien noch klassifizieren?, Aus Politik und Zeitgeschichte 46-47/2018, S. 21-26.

Decker, Frank (2018b): Politische Parteien: Begriff und Typologien, in: Decker, Frank: Parteiendemokratie im Wandel, Baden-Baden, S. 11-21.

Lipset, Symour Martin und Rokkan, Stein (1967): Cleavage Structu­res, Party Systems and Voter Alignments. An Introduction, in: Lipset, Symour Martin und Rokkan, Stein (Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments, New York, S. 1–64.