Der Einzelmenschtyp

Der Einzelmensch bezogene Grundtyp richtet sein politisches Denken am eigenen Subjekt und an anderen als Individuen aus. Er erkennt das eigene Selbst und das Selbst seiner Mitmenschen als einzigartiges und von anderen abgegrenztes Individuum an, das vielfältige Möglichkeiten verfügt. Der Mensch hat das Bestreben sich zu erhalten, aber auch, seine Fähigkeiten und Potenziale zu nutzen. Der Fokus dieses Grundtyps liegt daher auf den verschiedenen Entwicklungs-, Entfaltungs- und Optimierungspotenzialen, die er erschließen kann. Um diese (für sich oder für andere) nutzbar machen zu können, braucht er politische Rahmenbedingungen, die ihm die entsprechende Freiheit verschaffen.

Freiheit ist die zentrale politische Kategorie dieses Typs. Bildlich gesprochen hat er Angst vor einem Gefängnis, in das er eingesperrt wird und das verhindert, dass er seine Fähigkeiten, Fertigkeiten und Potenziale nutzt. Freiheit im Sinne der Verwirklichung seiner Möglichkeiten stellt für ihn den höchsten Wert des Zusammenlebens der Menschen und den Sinn von Politik dar.

Das erreichbare Maß an Freiheit in diesem Sinne ist zwangsläufig relativ und nur graduell realisierbar. Schließlich kann vollkommeneFreiheit nie erreicht werden, was an der Bedingtheit menschlicher Existenz durch Geburt, Körper, Tod und andere Menschen liegt.

Der Einzelmensch bezogene Ideologietyp hat typologisch nichts mit psychologisch-wertenden Kategorien wie Egoismus oder Egozentrik zu tun. Die von ihm angestrebte Freiheit erhöht schließlich nicht nur seine, sondern auch die Möglichkeiten seiner Mitmenschen. Zudem kann er seine Fähigkeiten, Fertigkeiten und Potenziale zum Wohle seiner Mitmenschen einsetzen („starke Schultern“).

Ausgehend von Freiheit als zentrale Kategorie können zwei Ausprägungen unterschieden werden. Die eine Ausprägung richtet sich an die Freiheit der Person, das andere richtet sich auf die materielle Welt.

Politische Freiheit als Personen-bezogene Freiheit

Die Personen bezogene Freiheit umfasst Bürger:innen- und Persönlichkeitsrechte, die darauf abzielen, ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben möglichst ohne Beeinträchtigungen von außen zu führen. Allgemein spricht man hier von Bürgerrechten, da hier der Mensch in seiner Rolle als Staatsbürger betroffen ist. Themen im politischen Diskurs sind hierbei u.a. Vorratsdatenspeicherung, Datenschutz, künstlerische Freiheit oder die Diversität von Lebensentwürfen.

Materielle Freiheit als Güter-bezogene Freiheit

Die Güter bezogene Freiheit umfasst die Spannbreite unternehmerischer und wirtschaftlicher Möglichkeiten, die darauf abzielen, den materiellen Wohlstand zu erhalten und zu steigern. Allgemein wird diese Freiheit unter Begriffen wie Wirtschafts- oder Neoliberalismus diskutiert. Diese Grundrichtung rückt für den Grundtyp den Begriff des Privateigentums in den Fokus, das geschützt werden muss. Themen der Güter bezogenen Freiheit sind u.a. niedrige staatliche Auflagen bei wirtschaftlicher Betätigung, Unternehmenssteuern, Bürokratieabbau oder die Gewährleistung funktionierender, freier Märkte.

Die Ausprägungen des Einzelmenschtypen als Seite der Ideologiepyramide: Links die politische Freiheit (Individualismus), rechts die materielle Freiheit (Libertarismus). Mit zunehmender Ausprägung der Ideologie wird sie extremer und nähert sich einem totalitären Endzustand an.

Für den Einzelmensch-Grundtyp ist eine Gesellschaft dann gut, wenn Personen- und Güter-bezogene Freiheit geschaffen und gewährleistet werden. Wozu diese Freiheiten letztlich genutzt werden, ist unerheblich und jenseits der Politik im Privaten. Die gute Gesellschaft ist eine Art Autarkiegesellschaft, in der jeder Mensch frei ist. Gerechtigkeit besteht für diesen Typ darin, wenn Individuen die Möglichkeit gegeben wird, ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten und Potenziale zu nutzen. Ob sie das tun, ist letztlich ihre Sache („Jeder ist seines Glückes Schmied“). Eigentum und materielle Güter sind deshalb so wichtig, weil sie die Möglichkeiten Personen bezogener Freiheit erhöhen und die weitere Anhäufung von Gütern erleichtert. Staatliche Gewalt muss daher darauf abzielen, den Schutz von Personen und ihren Gütern zu gewährleisten.

Die Zahl der ideologischen Denker dieses Typs ist groß und verortet sich im Bereich des politischen Liberalismus (u.a. John Locke, Robert Nozick).

Im deutschen Parteiensystem können FDP und PDV als so genannte liberale Parteien diesem Grundtyp zugeordnet werden. –>mehr/tab

Der Einzelmenschtyp in seiner Totalität

Ebenso wie die anderen Grundtypen nähert sich auch der Einzelmenschtyp in seiner intensiveren Ausprägung einen totalitären Endzustand an. Auf der Ideologiepyramide befindet sich dieser auf der untersten Spitze. Mit seinem Fokus auf Fähigkeiten, Fertigkeiten und Potenzialen sowie mit dem Ziel Personen- und Güter-bezogener Freiheit liegt dem Einzelmenschtyp implizit ein Leistungsverständnis zugrunde. Die Ideologie fußt auf der Annahme, dass der Mensch von Natur aus über Potenziale verfügt und damit zu mehr Leistungen fähig ist, die er nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gesellschaft nutzbar machen kann. Die Rhetorik der totalitären Einzelmenschideologie zielt darauf ab, zunehmend Erwartungen an Menschen hinsichtlich der Nutzbarmachung ihrer Potenziale und ihrer Leistungsfähigkeit zu formulieren. Der Leistungsgedanke wird mit der individuellen Freiheit begründet, die sich in der Potenzialerschließung offenbart. Zugleich werden zunehmend Feinde identifiziert und bekämpft, die nicht leistungsbereit und Potenzial-erschließend agieren. Die totalitäre Einzelmenschideologie strebt nach einer totalen Autarkiegesellschaft, in der von den Menschen erwartet wird, ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten und Potenziale maximal zu nutzen.